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Der Hegelianer - Erinnerungen an Jürgen Rollwage

In dankbarer Erinnerung
von Frank-Peter Hansen, Berlin, 03.01.2016

 

Zurückhaltend-vornehm-schüchtern-still, dies war mein Eindruck, als ich ihn das erste Mal den aus allen Nähten platzenden Raum im Henry-Ford-Bau der FU betreten sah. Denn ja, die Schar seiner Zuhörer (ich möchte fast von einer Anhängerschaft sprechen, denn er besaß zweifellos Kultstatus an der FU), des lernbegierigen akademischen Nachwuchses, war enorm, wenn man nämlich bedenkt, dass er lediglich der wissenschaftliche Assistent Michael Landmanns war. Mit seiner notorischen Schirmmütze und – so kam es mir in den beiden Jahren, die bei ihm zu studieren ich das Glück hatte, vor – der immer gleichen Pepita-Jacke. Er war von mittlerer Statur, im glatten, für damalige Verhältnisse kurz geschnittenen Haar hatten sich Geheimratsecken auf seinem runden Schädel zu bilden begonnen. Der Oberlippenbart wirkte dezent. Immer wieder umspielte ein weh wirkendes Lächeln seinen Mund. Er sprach leise und distinguiert.

Einsam, unberührbar, so kam er mir vor. Seine Frau, Ursula Rollwage, begleitete ihn ab und an in seine Vorlesungen. Sie wirkte wie ein weiblicher Bodyguard; schirmte ihn vor dem Ansturm der lern- und wissbegierigen Jugend ab, die ihn vor Beginn der Veranstaltung in irgendeiner Angelegenheit zu sprechen wünschte. An die Beantwortung ihrer Fragen hat er sich ansonsten ausnahmslos hochkonzentriert, überaus freundlich und mit unverfälschtem, warmem Interesse gemacht.

Seine Rede war von großer geistig-intellektueller Präsenz. Er schien ganz der Wissenschaft und ihrer Vermittlung, Weitergabe an die Studenten zu leben.

Er hatte die Angewohnheit, gleich nachdem er das Rednerpult betreten hatte – er hielt seine Vorlesungen stets im Stehen –, die mitgebrachten Bücher vor sich auf einen Stapel zu legen. Wollte er das Gesprochene – er sprach im übrigen immer frei – mit einem Zitat unterlegen, redete er im Blättern ohne jede Unterbrechung weiter, um, nachdem er fündig geworden war, die Quelle selbst zu Wort kommen zu lassen. So arbeitete er sich im Laufe von eineinhalb Stunden durch die mitgebrachten Scharteken, die währenddessen mählich von einer Seite des Pultes auf die andere wanderten.

Während seiner ruhigen Rede Fluss hingen die Studiosi selbstvergessen an seinen Lippen; machten sich angelegentlich Notizen. Wenn er einen guten Tag hatte, wirkte er in seiner ganz der Sache hingegebenen Selbstvergessenheit geradezu initiiert. Es kam allerdings auch gar nicht selten vor, dass er zu der anberaumten Stunde entweder gar nicht erschien oder erst mit großer Verspätung – Schweißperlen auf der Stirn, derangiert (eines seiner Lieblingswörter, wenn er auf sich selbst zu sprechen kam; er entschuldigte sich bei den Studenten wahr- und wahrhaftig für sein derangiertes Äußeres!), desorientiert und verloren wirkend –. An solchen Tagen fiel ihm das Reden – man bangte um ihn und sein Seelenheil – sichtlich schwer.

Bei den Professoren hatte er keinen leichten Stand. Die meisten begegneten ihm mit kaum verhehltem Argwohn. Wolfgang Fritz Haug beispielsweise bezeichnete ihn wörtlich – ich war anwesend, als dies geschah – als Reaktionär; Jacob Taubes hingegen hielt ihn, wie mir zu Ohren gekommen war, für einen Anarchisten. Er lag mit der Fraktion der mit der DKP sympathisierenden Professoren über Kreuz. Was nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass damals, Mitte der Siebziger Jahre, am Fachbereich über eine Reform des Studiums in der Professorenschaft hitzig debattiert wurde. Rollwages Position lautete dahingehend, dass die Studenten sich in ihrem Grundstudium solide Kenntnisse Aristoteles’, Hegels, Marx’ und Nicolai Hartmanns aneignen sollten. Mit diesem Programm stieß er, warum auch immer, auf wenig Gegenliebe.

Kurz und gut, Rollwage polarisierte wie kaum ein anderer Dozent am philosophischen Fachbereich der FU, der damals noch in der Gelfertstraße 13 in einer altertümlichen Villa untergebracht war. Ein akademischer Außenseiter.

Er ließ sich, engagiert und spürbar seelisch derangiert, zu Beginn der Seminare in schöner Regelmäßigkeit, manches Mal geschlagene 10 oder 15 Minuten lang, über die Schwierigkeiten aus, die ihm von Seiten der in der Habilkommission zusammengekommenen Professoren bereitet wurden. Als unbedarfter Student gewann man den Eindruck, als handle es sich bei diesem akademischen Akt um so etwas wie ein Spießrutenlaufen …. Letztlich war es wohl wirklich einzig und allein Michael Landmann, der dem angehenden Privatdozenten an der FU zur Seite stand und den Rücken frei hielt. Es ist, im Übrigen, nie zur Habilitation gekommen.

Jürgen Rollwages Witwe hat mich Ende der 80er Jahre autorisiert, seine unvollendet gebliebene Habilarbeit sprachlich und stilistisch – dass sie dessen nur allzu bedürftig war, darüber waren sich, über alle sonstigen Differenzen hinweg, besagte Professoren einig – zu glätten. Aber dieser Kommentar zur Vorrede der Phänomenologie des Geistes liegt bis heute unveröffentlicht bei mir zu Hause in einer Schublade und staubt still vor sich hin. Weil nämlich Verlage, zu denen ich, nach beendeter Überarbeitung, den Kontakt aufnahm, sich nicht dazu verstehen konnten, diese Arbeit ohne den nicht allein in der Wissenschaftsbranche inzwischen obligatorischen Druckkostenzuschuss zu publizieren. Ein Jammer!

Es existiert, das sei an dieser Stelle erwähnt, lediglich eine Publikation (es handelt sich um die Dissertation) dieses außerordentlich begabten Forschers: Das Modalproblem und die historische Handlung. Ein Vergleich zwischen Aristoteles und Hegel (München und Salzburg 1969).

Auf Grund der Unstimmigkeiten in der Habilkommission wurden auswärtige Gutachten angefordert. So von Herbert Marcuse, der (ich gebe die relevanten Passagen wieder) wörtlich wie folgt Stellung nahm: „Sehr verehrter Herr Landmann: Vielen Dank für Ihren Brief. Ich hätte sehr gerne ein detailliertes Gutachten über Dr. Rollwages Habilitationsschrift, die ich schon im März d. J. gelesen habe, abgegeben. Leider muss ich mich jetzt mit einer kurzen Bewertung begnügen: … Rollwages Kommentar ist das Beste und Gründlichste (das Komma fehlt, F.-P. H.) das ich über das Vorwort (sic!, F.-P. H.) zur Phänomenologie des Geistes kenne. … Ich darf hinzufügen, dass ich meine eigene Analyse des Textes an manchen Punkten revidiert hätte, wenn ich R’s Arbeit früher gekannt hätte.“ La Jolla, California, 6.6.1977 (vom 14. Dezember 1977 datiert im übrigen ein handschriftliches Kondolenzschreiben Marcuses an die Witwe des Verstorbenen). Darüber hinaus liegt mir eine Kopie der „Gutachterlichen Stellungnahme“ Wolfgang Harichs vom 11.10.1977 und ein „Zweites Gutachten von Michael Landmann“ vom 1. Juni 1977 vor.

In dem zweiten, ‚vorläufigen’ und sehr ausführlich geratenen, Gutachten Landmanns – es umfasst neun eng beschriebene Schreibmaschinenseiten und einen knapp einseitigen, bereits 1972 verfassten, „Anhang“ zu Rollwages Dissertation –, unterlässt der Gutachter es zwar nicht, auf „formale Anfechtbarkeiten“ des Vorreden-Kommentars hinzuweisen. Das hindert ihn aber nicht daran, gleich anschließend folgendes Fazit zu ziehen: „Doch sind dies Einwände, die sich nicht selten auch gegen die anerkannten Bücher von Ordinarien und sogar von Berühmtheiten richten lassen (Rollwages Arbeit ist besser geschrieben als die „Dialektik der Aufklärung“ oder als Derida (sic)).“

Und in dem „Anhang“ kommt Landmann seinerseits auf Herbert Marcuses Einschätzung der Dissertation Rollwages abschließend zu sprechen, wenn er schreibt: „Herbert Marcuse war, wie er in einer öffentlichen Qualifikation über die Dissertation schreibt, beeindruckt von Rollwages Fähigkeit, „geschichtliche und gesellschaftliche Substanz im Bereich der Logik und Metaphysik aufzuzeigen.“ Er bescheinigt ihm „eine wirkliche Meisterschaft in der Beherrschung des Materials“.“

Ich erinnere mich noch gut daran, dass Klaus Christian Köhnke sich im Auftrag seines Freundes auf den Weg nach Ostberlin zu Wolfgang Harich machte (ein konspiratives Treffen), der, ursprünglich als der kommende Mann der DDR-Philosophie gefeiert, zu dem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr wohl gelitten war, um die Expertise, nicht ohne Gefahr für die eigene Person bei der Ausreise, außer Landes zu schmuggeln.

Die auf den 11.10.1977 datierte „Gutachterliche Stellungsnahme“ macht gleich zu Beginn klar, welche Bedeutung Harich diesem Vorredenkommentar beimisst: „Ungeachtet gewisser formaler Mängel, die für die Beurteilung des Inhalts unerheblich sind, stellt das mir vorliegende Manuskript der Habilitationsschrift des Kollegen Jürgen Rollwage, Westberlin, nach meinem Dafürhalten eine vorzügliche Arbeit dar, an der künftige Forschung zum selben Thema schwerlich mehr wird vorbeigehen können.“

Sein jugendlicher Freund – der kommende Mann der Neukantianismus-, Simmel- und Cassirer-Forschung über Deutschlands Grenzen hinaus! – war Rollwage schon bald nach Beginn seines Studiums zu einem unverzichtbaren Wegbegleiter geworden; in der Potsdamer Straße, in der Köhnke damals zusammen mit Flensburger Freunden wohnte, haben die beiden damals wochenlang, Tag für Tag, über der im Entstehen begriffenen Habilitation gebrütet.

Rollwage pflegte stets einen freundlichen, aufmerksamen, zuvorkommenden Umgang mit seinen zahlreichen Studenten. Mich regte er, ohne dass mir’s zu dem Zeitpunkt (wie auch?) bereits hätte klar sein können, dazu an, ein Buch zu schreiben, das 1989 bei de Gruyter erschienen ist. Der kostspielige Wälzer heißt Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Rezeptionsgeschichte und Interpretation. Rollwage nämlich kam in seinen Hegel-Vorlesungen immer wieder, seiner antizipierenden Kraft wegen, auf diesen fragmentarischen Text, den er für seine Zuhörer vervielfältigt hatte, zu sprechen; in ihm sah er den Nukleus (auch ein Lieblingswort von ihm) für Hegels bereits zu diesem relativ frühen Zeitpunkt sich abzeichnende Systemkonzeption.

Die akademische Jugend, zu der auch ich damals gehörte (ich wiederhole mich, ich weiß), verehrte ihn aufs Innigste, und folglich traf es uns alle wie ein Schlag, als wir erfuhren, dass er sich auf das Drastischste das Leben genommen hatte. Im Herbst des Jahres 1977, das Semester hatte gerade erst begonnen.

Ich habe niemals wieder an der Uni einen Professor derart souverän, kenntnisreich und mit der Materie auf das innigste vertraut über Hegel reden hören. Und auch der Wiederbelebungsversuch des „toten Hundes“ Nicolai Hartmann, den man mit Fug und Recht als Aristoteliker und Hegelianer bezeichnen kann, war ihm ein wichtiges Anliegen. Ich befinde mich noch im Besitz einiger schriftlich ausgearbeiteter Referate von Rollwage, die seinen freien Darstellungen innerhalb der Seminare zugrunde lagen. Und bewahre diese noch auf Alkoholbasis reproduzierten – wir sprachen als Studenten davon, die mit Blaupapier unterlegten Matrizen durchzunüdeln – und eine starke Neigung zum Ausbleichen besitzenden Texte wie einen kleinen Schatz, indem ich die mählich verblassenden Buchstaben irgendwann mit einem Kugelschreiber akribisch nachgezeichnet habe.

Wie ich einem Brief Ursula Rollwages an mich vom 23.6.1988 entnehme, hatte Jürgen Rollwage im September 1977 „selbst zwei Gespräche wegen der Veröffentlichung (seiner bis heute nicht erschienenen Habilitation, F.-P. H.) mit Herrn Prof. Wenzel vom de Gruyter Verlag geführt.“

Vielleicht kommt es ja doch irgendwann dazu, dass ein Verlag über seinen Schatten springt und die Habilitation dieses außergewöhnlich kenntnisreichen, belesenen, ganz der Wissenschaft hingegebenen Mannes – er hatte, wie Hegel, sein Leben der Wissenschaft „geweiht“ – in sein Verlagsprogramm aufnimmt!

 

Nachtrag: eigenhändiger Lebenslauf Jürgen Rollwages

 

LEBENSLAUF

Am 18. 8. 1938 wurde ich in Berlin als zweites Kind des Arztes Dr. Helmut Rollwage und seiner Ehefrau Ilse, geb. Berling, geboren. Nach Besuch der Volksschule in Hameln erwarb ich auf dem Realgymnasium der Christopherus-Schule in Elze/Hannover am 23. 2. 1959 das Reifezeugnis.
Im Sommer 1959 immatrikulierte ich mich an der philosophischen Fakultät der Universität München mit dem Hauptfach Philosophie. Nach dem Besuch von Vorlesungen bei den Herren Professoren Dempf, Wenzl, Guardini in der Philosophie und Herrn Professor Lersch in der Psychologie mit entsprechenden Übungen wandte ich mich im 3. Semester meinem zweiten Nebenfach, der Jurisprudenz zu, um bei Prof. Engisch im Strafrecht und bei Prof. Maunz im Staatsrecht Übungen und Seminare zu belegen. Nachdem ich im Sommersemester 1961 die Vorlesung von Herrn Prof. Helmut Kuhn über Aristoteles besucht hatte, hörte ich im Wintersemester 1961
(sic!, F.-P. H.) seine Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie und nahm an seinem Oberseminar „Zum Problem des Historismus“ teil. Auf Anregung von Herrn Prof. Helmut Kuhn fertigte ich eine Seminararbeit zur Interpretation des Herr-Knechtverhältnisses in der Phänomenologie des Geistes von Alexandre Kojève an. Diese Anregung der näheren Beschäftigung mit der Philosophie Hegels führte zu der vorliegenden Untersuchung (gemeint ist Rollwages Dissertation „Das Modalproblem und die historische Handlung“, F.-P. H.). Für diese Anregung möchte ich Herrn Prof. Kuhn meinen ausdrücklichen Dank aussprechen.

Es folgt ein abschließender handschriftlicher Zusatz Ursula Rollwages:

Der Grad eines Doktors der Philosophie wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München am 28. Juli 1969 mit dem Gesamturteil „magna cum laude“ erworben. (U.R.)

 

Frau Ursula Rollwage war so freundlich, mir die beiden Fotos ihres Mannes zur Verfügung zu stellen.

 

Literaturhinweis:

 


 

Hansen, Frank-Peter:

Vom wissenschaftlichen Erkennen.
Aristoteles - Hegel - N. Hartmann


Würzburg 2005.

 

 

 

 

Informationen über weitere fachwissenschaftliche und belletriste Publikationen des Autors finden Sie auf der Internetseite: www.lektoratsservice-berlin.de

 
 
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