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Heraklit - Gegensätzlichkeit als Prinzip des Seins?

Entwurf einer Unterrichtsstunde im Fach Philosophie, phi-4 (Sein und Werden)

von Maik Hager, zuletzt geändert am 01.08.2013

1. fachwissenschaftlicher Schwerpunkt / didaktische Analyse

"Gegensätze ziehen sich an." (Sprichwort), "Die Ewigkeit beruht auf Gegensätzen" (Seneca, Epistulae morales 107,8), "Wem niemand schlecht erscheint, wer kann dem gut erscheinen?" (Martial, Epigramme 12. 80,2), "Recht und Unrecht passen genauso wenig zusammen wie Licht und Dunkelheit." (2. Korinther 6, 14), "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen." (Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei), dies sind nur einige der zahlreichen Beispiele aus der philosophischen und nicht-philosophischen Literatur, die mit der Bedeutung von Gegensätzen arbeiten und Begriffe, Zu- oder Gegenstände und Gruppen oder Personen antithetisch verbinden.

Gegensätze üben auf das Denken eine große Faszination aus, weil das Denken in Gegensätzen einfach und dennoch plausibel, d. h. das Sein erklärend, erscheint. Doch wer nur schwarz-weiß denkt, nur zwischen gut und böse unterscheidet, nach dem Motto „Alles oder Nichts“ handelt, ist unter Umständen nicht in der Lage, komplizierte Sachverhalte richtig zu beurteilen. Vor allem Politikern hat man den Vorwurf gemacht, dadurch komplizierte Sachverhalte nicht richtig beurteilen zu können bzw. durch die absichtliche Kultivierung des Schwarz-Weiß-Denkens ein gefährliches politisches Spiel zu treiben (Ost-West-Konflikt, McCarthyism, Bush-Administration).

Diese Unterrichtsstunde setzt die Beschäftigung mit den vorsokratischen Philosophen und deren ontologischem Denken fort. Es wird weiter an der Frage nach der Grundstruktur des Seins bzw. der Realität gearbeitet. Das Spiel mit Gegensätzen ist keine Erfindung Heraklits. Es findet sich bereits bei Homer, Anaximander und Pythagoras, die ebenfalls Gegensätze im Leben des Menschen walten sahen. Die "Form des polaren Denkens darf als typisch Griechisches angesehen werden." (Hammer, in: Ludwig 2002, S. 91). "Neu bei Heraklit aber ist die Einheit dieser polaren Formen und – dass sie auf alle Erfahrungsbereiche angewendet wird." (ebd.). „Alles, was es gibt, kann anhand von aufeinander bezogenen Gegensätzen expliziert bzw. auf solche Gegensätze reduziert werden." (Mansfeld 1999, S. 232f.)

Inhaltlich-thematisch liegt der Schwerpunkt der Unterrichtsstunde auf der Auseinandersetzung mit einem Heraklit’schen Fragment. Die Schüler sollen die im Fragment genannten Begriffe analysieren, deren Zusammenhänge rekonstruieren und die im Fragment enthaltenen Behauptung von der Gegensätzlichkeit des Seins (Prinzip) kritisch reflektieren.

In der Einführungsphase soll das Konzept der Gegensätzlichkeit zunächst anhand eines Bilderzuordnungsspiels, das drei Begriffspaare des für die Erarbeitung ausgewählten Fragments DK 22 B 111 aufgreift, erschlossen werden. Bei der Bildauswahl wurde überwiegend auf im Internet zur Verfügung stehende Illustrationen zurückgegriffen, die die im Fragment genannten Begriffe Hunger, Sattheit, Krankheit, Gesundheit, Mühsal und Muße widerspiegeln. Für die Auseinandersetzung mit der Heraklit’schen Ontologie und deren Interpretation ist das ausgewählte Fragment gut geeignet, da es die Annahme der Entgegensetzung alles Seienden mit Hilfe von vier Begriffspaaren (manche Übersetzungen enthalten nur drei Begriffspaare) sehr gut verdeutlicht und Möglichkeiten zur Fortsetzung der begonnen Begriffsreihe bietet. Die in dem Fragment genannten gegensätzlichen Begriffspaare, die durch die zur Interpretation auffordernde Formulierung "x macht y süß und gut" verbunden werden, bieten die Möglichkeit zur vertieften Auseinandersetzung in Form einer Begriffserklärung / -definition.
In der Vertiefung wird den Schülern eine Interpretation des Fragments angeboten, die die Gegensätzlichkeit als grundlegendes Seinsmerkmal nochmals verdeutlicht ("Negatives kann ohne Positives nicht verstanden/gedacht werden"). Dieser sollen in der Problematisierung alternative Deutungen der Schüler zur Seite gestellt werden.
Die Schüler sollen zunächst Gegensätzlichkeit als mögliches Ordnungsprinzip alltäglicher Phänomene erkennen. Die Analyse des Fragments soll diese zunächst nur als Möglichkeit erkannte Ordnungsweise verabsolutieren und als Grundelement der Heraklit’schen Philosophie problematisieren. Durch die Fortsetzung der in dem Fragment begonnenen Reihe, kann dies angedeutet werden (Krieg – Frieden, Unglück – Glück, Armut – Reichtum, Hass - Liebe, Hässlichkeit - Schönheit, Alter - Jugend, Unlust - Lust, Dunkelheit - Licht, schwarz – weiß, Dummheit - Klugheit, Scheitern/Misserfolg - Erfolg, Trauer – Freude, Tod – Leben, Geiz - Großzügigkeit, Schmerz - Schmerzlosigkeit). Hierbei ist auf die Einhaltung der Begriffsreihenfolge zu achten (Negatives macht Positives "süß und gut".)
Die Formulierung einer Erklärung eines Begriffes, die keine Definition ex negativo ist, soll die Gegensätzlichkeit als Seinsprinzip problematisieren. Denkbar sind Definitionen, die mit Beispielen oder Umschreibungen arbeiten. Diese Erklärungen könnten u. U. Gedankengänge folgender Beispiele aufgreifen

• Hunger ist eine unangenehme, körperliche Empfindung, die Menschen und Tiere dazu veranlasst Nahrung aufzunehmen. (s. v. Hunger, in: de.wikipedia.org)
• Liebe – starkes Gefühl des Hingezogenseins, z. B. Mutterliebe. (s. v. Liebe, in: duden.de)
• Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg. Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zur Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit. (Spinoza, Baruch de, Politischer Traktat, V 4)

Schließlich erörtern die Schüler die Bedeutung der Begriffsverbindung "x macht y süß und gut" und formulieren im Unterrichtsgespräch eigene Interpretationen, die von der vorgegebenen abweichen.
Zur Veranschaulichung des Seinsprinzips und die Auswahl des Textmaterials widerspiegelnd, bietet sich die Exemplarität als Zugangsweise an. Anhand ausgewählter Bildmotive soll die Kernaussage des Fragments erschlossen und kritisch analysiert werden.

2. Kompetenzförderungsschwerpunkt / Standardkonkretisierung

Der Kompetenzförderungsschwerpunkt dieser Unterrichtsstunde liegt im Bereich der Argumentations- und Urteilskompetenz. Die Schüler analysieren Begriffe, rekonstruieren und prüfen Gedankengänge und Argumentationen, entfalten eigene Argumentationen und setzen sich mit eigenen und fremden Positionen auseinander (Rahmenlehrplan GO Philosophie, S. 10).

Die Schüler

• rekonstruieren Gedankengänge und Argumentationen in nicht-philosophischen und philosophischen Texten sowie in Diskussionsbeiträgen und stellen sie schematisch dar


und

• stellen philosophische Thesen, Gedankengänge und Argumentationen infrage, prüfen sie im Hinblick auf Plausibilität und logische Gültigkeit, fällen eigene Urteile und begründen sie (ebd., S. 12).

Die Schüler erarbeiten den Gedanken der Gegensätzlichkeit als Ordnungsprinzip zunächst im Rahmen des Bildzuordnungsspiels (Paarbildung, Begriffsfindung, Benennung des Ordnungsprinzips) und rekonstruieren durch die Bearbeitung des Heraklit’schen Fragments den Anspruch der Gegensätzlichkeit als Seinsprinzip, indem sie die Begriffsreihe fortsetzten.

Die Schüler stellen die Heraklit’sche These von der Gegensätzlichkeit als erstem Ordnungsprinzip des Seins infrage, indem sie ausgewählte Begriffe bestimmen, ohne auf eine Definition ex negativo zurückzugreifen.

3. Evaluation individuelle Kompetenzentwicklung der Lernenden

Schülern des hohen Kompetenzniveaus bereitet die Ordnung der Bilder zu Gegensatzpaaren keine Schwierigkeit. Sie machen in der Gruppe konstruktive Vorschläge und ordnen die Bildkarten an der Tafel. Auch die Benennung der durch die Bildmedien veranschaulichten Begriffe bereitet ihnen keine Schwierigkeit. Als Ordnungskriterium für die ausgewählten Bilder können sie das Prinzip der Gegensätzlichkeit auch den Gruppenmitgliedern plausibel erläutern. Im Rahmen der Gruppenerarbeitungsphase finden sie schnell eine Vielzahl von Begriffspaaren, mit denen sie die im Fragment begonnene Reihe fortsetzen können. Sie gehen schnell zum zweiten, anspruchvolleren Arbeitsauftrag über und formulieren Begriffserläuterungen. Die angebotene Deutung des Fragments können sie spontan verinnerlichen und strukturiert kritisieren (z. B. "Es gibt nicht nur Hunger und Sattheit. Was ist mit Appetit (Zwischenstufe) und Völlegefühl? (Übertreibung)"). Für die Interpretation der Verbindung "x macht y süß und gut" als "x ist ohne y nicht denkbar" (Absolutheitsanspruch) können sie Konkretisierungen oder Alternativen (süß und gut keine ontologische Aussage, sondern ethisch, Anweisungen für ein gutes und glückliches Leben / anthropologisch, Beschreibung der Triebhaftigkeit des Menschen, das Angenehme zu suchen und das Unangenehme zu meiden) benennen.


Schülern des mittleren Kompetenzniveaus gelingt es, die Bilder zu Gegensatzpaaren zu ordnen. Mögliche andere Ordnungskriterien (auf allen Bildern sind Menschen zu sehen, auf 4 Bildern jeweils eine Person, auf Zweien mehrere, usw.) werden zunächst angewendet, dann jedoch schnell verworfen. Die Benennung der durch die Bildmedien veranschaulichten Begriffe gelingt ihnen mit Einhilfen. Als Ordnungsprinzip für die ausgewählten Bilder können sie das Prinzip der Gegensätzlichkeit erläutern. Im Rahmen der Gruppenerarbeitungsphase finden sie weitere Begriffspaare, die sie gedanklich mit dem Ordnungsprinzip Gegensätzlichkeit in Verbindung bringen können. Dabei beachten sie jedoch nicht immer die im Fragment vorgegebene Begriffsstellung. Die angebotene Deutung des Fragments können sie nach Erläuterung erfassen und in Ansätzen kritisieren (süß und gut keine ontologische Aussage, sondern ethisch, Anweisungen für ein gutes und glückliches Leben).


Schülern des unteren Kompetenzniveaus fällt es schwer, die Bilder in eine sinnvolle Ordnung zu bringen, da sie aus ihnen keine Begriffe abstrahieren können. Dementsprechend werden sie die Bildmedien eher beschreibend erschließen und das Prinzip der Gegensätzlichkeit nur mit vermehrten Einhilfen erkennen. Im Rahmen der Gruppenerarbeitungsphase können sie nur wenige Begriffspaare nennen, die die Reihe des Fragments fortsetzen. Dabei wenden sie die korrekte Begriffsreihenfolge nicht an. Die angebotene Deutung des Fragments (Gegensätzlichkeit als einziges Seinsprinzip) erschließt sich ihnen nicht.

4. Begründung der Lehr-/Lernstruktur

Das Bildzuordnungsspiel muss vor Stundenbeginn an der Tafel mit Hilfe von Magneten und Bildkarten vorbereitet werden. Die Schüler sollten die Bildkarten vor Beginn des Einstiegs nicht sehen. Wenn keine Gruppenarbeit an der Tafel möglich ist, können die Bildkarten auch auf Tischen verdeckt vorbereitet werden.

Den Einstieg bildet eine schüleraktivierende Gruppenarbeit in Form eines Zuordnungsspiels an. Dabei übernimmt der Lehrer nach einer kurzen Erläuterung (Fortsetzung im Feld Ontologie, Ankündigung des Spiels) die Gruppeneinteilung. Die Gruppeneinteilung erfolgt durch Abzählung. Das Zuorgnungsspiel kann, je nach Lerngruppengröße, in zwei oder mehr Gruppen durchgeführt werden. Sollte der Platz an der Tafel nicht reichen, kann zusätzlich ein Bildersatz auf OH-Folie vorbereitet werden. Dies ermöglich die Präsentation von min. drei Arbeitsergebnissen (2x an der Tafel, 1x über  OHP) Durch das Zuordnungsspiel sollen die Schüler aktiviert und zur Begriffsarbeit hingeführt werden.

Zu Beginn der Erarbeitung wird ein erstes Vorverständnis des Fragments (Bruchstück des nicht auf uns gekommenen Gesamtwerks / Strukturklärung, Auflösung der rhetorischen Figur: Zeugma – Zusammenspannung) herbeigeführt. Der erste Arbeitsauftrag führt die Reihe fort und zur Verabsolutierung des Gegensatzes als Prinzip des Seins hin. Der zweite, anspruchvollere Arbeitsauftrag problematisiert diese Interpretation. Vertiefung und Problematisierung werden somit angebahnt. Die Sicherung der Arbeitsergebnisse erfolgt zur Vorbereitung der Präsentation auf OH-Folie (zugleich effektive Verschriftlichung der Arbeitsergebnisse). Die Präsentation und Erläuterung der Arbeitsergebnisse erfolgt im Schülervortrag und bereitet die Öffnung der Sozialform zum freien Unterrichtsgespräch vor.
In der Vertiefung wird vom Lehrer eine klassische Interpretation des Heraklit-Fragments als Diskussionsimpuls vorgegeben. Diese Interpretation wird von den Schülern durch Rückgriff auf die Arbeitsergebnisse kritisch analysiert.
Problematisierung: Nachdem zunächst nur die Begriffe des Fragments thematisiert wurden, analysieren die Schüler auf den Lehrerimpuls hin die als Verbindung dienende Formulierung "...macht ... süß und gut" und schlagen alternative Interpretationen vor.

5. Literaturverzeichnis

Quelleneditionen

Die Fragmente der Vorsokratiker, griechisch und deutsch von Diels, Hermann, 1. Bd., Berlin 19224, S. 99.
Die Vorsokratiker I. Mileser, Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, griechisch – deutsch, übers. v. Mansfeld, Jaap, Stuttgart 1999, 230-243.

Darstellungen

Geyer, Carl-Friedrich, Die Vorsokratiker zur Einführung, Hamburg 1995, S. 71-81.
Ludwig, Ralf, Die Vorsokratiker für Anfänger. Eine Lese-Einführung, München 2002, S. 84-98.
Prechtel, Peter, s. v.: Gegensatz, in: Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen, hg. v. Prechtel, Peter u. Burkhard, Franz-Peter, Stuttgart, Weimar 1996 u. ä., S. 117 f.

 

6. Verlaufsplanung

Die tabellarische Verlaufplanung können Sie hier herunterladen (pdf-Dokument).

7. Materialien

Die Vorlagen für die Bildkarten können Sie hier herunterladen (pdf-Dokument).

 

Die Vorlage für das Arbeitsblatt bzw. die OH-Folie können Sie hier herunterladen (pdf-Dokument).

 
 
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