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Heinrich Grüßbacher:

Hegels Psychologie der Intelligenz

Würzurg 1988.

 

 

Wenn einem Hören und Sehen vergeht,

oder: „der übersprungene Raum“.


Eine Rezension von Dr. Frank-Peter Hansen (Berlin)

 


Es gibt diese Bücher, bei denen man, frei nach Thomas Mann, ausruft: „Halt! Epoche! Das kommt zu mir!“ Bereits nach wenigen Zeilen oder gar Worten schrillen die Alarmglocken. Du weißt, jetzt bist du mit einem Autor konfrontiert, der dir was zu sagen hat, weil er was zu sagen hat. Weil einiges zusammenstimmt: Versiertheit, meint, ein schlafwandlerisches Beherrschen der Stofffülle, gepaart mit einer Klarheit des Wortes, die beweist, dass etwas bis auf den Grund gedanklich durchforscht und begriffen worden ist.


So auch und wie sehr im Falle dieses Autors: klar, nüchtern, streng ist die Schreibe. Kurzum, prägnant; treffsicher. Aber man merkt darüber hinaus, da meldet sich einer zu Wort, der Freude hat am Erkennen und Freude daran, das Erkannte und in vermutlich mühevoller Arbeit Durchdrungene weiterzugeben an Leser, die gleichfalls Freude und Enthusiasmus empfinden, wenn es darum geht, seinen geistigen Horizont zu erweitern. Oder ganz einfach schlauer zu sein danach als davor.


Heinrich Güßbachers „Hegels Psychologie der Intelligenz“, vor annähernd 30 Jahren bei Königshausen & Neumann in der Reihe EPISTEMATA als Band XLVII erschienen und bis heute im Buchhandel erhältlich, ist ein solches Werk. Purer Zufall spielte es mir in die Hände. Ich war nicht sonderlich erwartungsfroh, als ich den vergleichsweise voluminösen Schinken aufschlug. Was sollte mir die Psychologie des alten Schwaben?! Da ich mich doch vor allem im Schweiße meines Angesichts – mit dem „Schweiß, den keine Mühe bleichet“ – durch die „Phänomenologie des Geistes“ und die „Wissenschaft der Logik“ in mehrmaligen Durchgängen durchgearbeitet und daraus insgesamt drei Bücher verfertigt hatte. Ich dachte, mit Hegel fertig zu sein. Denkste!


Hätte ich diese Scharteke früher gekannt, ich glaube, ich hätte meinen Logik-Kommentar gar nicht erst verfasst. Weil Güßbacher es nämlich, ich kenne nichts Vergleichbares, geschafft hat, die gesamte Hegelsche Logik auf bummelig 150 Seiten präzise, klar und nüchtern vor dem Geiste des aufnahmebereiten Rezipienten auf den Seiten 100 bis 242 vorbeiflanieren zu lassen. Wer sich nicht allein mit der subjektiven Logik, also dem dritten Band dieses Riesenwerkes des Zeitgenossen Goethes, bekannt machen möchte, sondern letztlich verstehen will, was Hegel genau und im Detail mit seinem Meisterwerk im Schilde geführt hat, der ist ausgezeichnet versorgt, wenn er diese Sekundärliteratur zur Hand und bei der Primärlektüre immer vor Augen hat. Ich verspreche, dass der Erkenntnisgewinn enorm, die Aha-Momente reichlich gesät sein werden.


Aber dieses Buch bietet noch mehr. Auf den ersten hundert Seiten wird man Schritte für Schritt in die Genese des menschlichen Intellekts hineingeführt. Über das Gefühl führt der Weg zur Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und Anschauung schließen sich an. Von der Anschauung geht es zur Vorstellung. Über die Erinnerung kommt man zur reproduktiven und wortschöpferischen, Sprache erfindenden produktiven Einbildungskraft. Tonsprache, Schriftsprache und die Aneignung der Primärsprache durch das Gedächtnis beschließen diesen ersten Teil. Dies die miteinander verbundenen und einander zwingend (er-) fordernden Grundbausteine der menschlichen Anschauungs-, Vorstellungs-, Erinnerungs-, wortbildenden und damit dem Denken die unverzichtbare Voraussetzung schaffenden Einbildungskraft.


Genug des Lobes. Nur noch dies: Wer sich bei der Lektüre dieses hochgradig konzentriert zu Werke gehenden Buches immer wieder auch überfordert fühlen sollte, der bedenke, was – erneut – Thomas Mann im „Doktor Faustus“ hinsichtlich der Vorträge des Stotterers Wendell Kretzschmar, des Kompositionslehrers des Jünglings Adrian Leverkühn, notiert hat: „Das war im Grunde alles noch Märchengeraun für uns, aber wir hörten es so gern und mit so großen Augen, wie Kinder das Unverständliche, eigentlich noch ganz Unzukömmliche hören – und zwar mit viel mehr Vergnügen, als das Nächste, Wohlentsprechende, Angemessene ihnen gewährt. Will man glauben, dass dies die intensivste und stolzeste, vielleicht förderlichste Art des Lernens ist – das antizipierende Lernen, das Lernen über weite Strecken von Unwissenheit hinweg? Als Pädagoge sollte ich ihm wohl nicht das Wort reden, aber ich weiß nun einmal, dass die Jugend es außerordentlich bevorzugt, und ich meine, der übersprungene Raum füllt sich auch mit der Zeit wohl von selber aus.“


Handfester, aus dem unmittelbaren Erleben berichtet, wie es jedem von uns sicherlich immer wieder und unzählige Male begegnet, dasselbe aus Hegels Feder: „Man studiere fort. Zuerst ist das Bewusstsein trüb. Nur nicht Schritt für Schritt begriffen und bewiesen haben wollen, sondern man wirft das Buch weg, liest wie zwischen Wachen und Schlafen fort, resigniert auf sein Bewusstsein, d. h. auf seine Einzelheit, was peinlich ist (nämlich weh tut, F.-P.H.). So habe ich Differentialrechnung und anderes studiert. So von anderen gehört, die Kants Kritik der reinen Vernunft so studierten.“ (WW 2, S. 594)


Wie gesagt: „der Schweiß, den keine Mühe bleichet …“

 

Dr. Frank-Peter Hansen, 07.10.17

 
 
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