Philosophie erforschen
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Was ist ein philosophisches Essay?

von Maik Hager, 13.05.2013

 

Mein alter Französischlehrer Herr Schallenberg wäre vermutlich stolz auf mich, wenn er wüsste, dass eines der französischen Wörter, die ich mir eingeprägt habe, das Verb essayer ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich es im Französischunterricht so oft gehört habe. "Essaye." Versucht habe ich es oft und leider bin ich oft gescheitert. Nein, Französisch war nie meine Sprache und das hat dann Herr Schallenberg auch irgendwann eingesehen. Ich bin auf dieses Scheitern nicht stolz. Ich halte die Beherrschung von Fremdsprachen für überaus wichtig, aber ich habe mir und meinen Lehrern mit der Abwahl dieser Sprache einen großen Gefallen getan.

Nun bedeutet das Scheitern in einem Bereich nicht das Scheitern in allen Bereichen. Nur wenige Menschen können es zu wahrer Meisterschaft in allen Wissensbereichen bringen und so ist das Eingeständnis des eignen Scheiterns bei einer bestimmten Sache eher ein Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis und weniger ein Schritt in Richtung Selbstaufgabe. Dadurch, dass ich mir und meinen Lehrer die Beschäftigung mit meinem sprachlichen Unvermögen erspart habe, hatte ich Zeit für andere Dinge, die ich meiner Meinung nach besser konnte.

Ich habe mich daraufhin in der Philosophie versucht und das hat mit und hoffentlich auch meinen Lehrern mehr Freude gebracht. Der Versuch die Gedanken anderer zu Verstehen hat mir bis jetzt immer viel Vergnügen, manchmal Erheiterung und oft Erkenntnisse gebracht, die mir vorher fehlten. Das philosophische Essay bzw. der weisheitsliebende Versuch spielt dabei ein wichtige Rolle, da es als Fixierung von Gedanken, die sonst so flüchtig sind, die Möglichkeit einer intensiveren Auseinandersetzung bietet.

In Anlehnung an Montaigne ist ein Essay also die Darstellung menschlicher Einfälle, insbesondere der persönlichen Einfälle, als Gedanken, die zum menschlichen Bereich gehören und scharf von anderen Bereichen zu trennen sind. Sie sind aufgeschrieben, aber nicht festgelegt, sicherlich nicht über jeden Zweifel erhaben und regen möglicherweise zum Widerspruch an. Essays sind keine wissenschaftlichen Theorien oder religiöse Glaubenssätze, sondern unverbindliche Meinungen, über die man nachdenken soll und die vielleicht zum Schreiben anregen.

Dass eine solche Bestimmung für einen Lehrer Probleme bei der Bewertung schulischer Leistungen bringen, steht übrigens auf einem anderen Blatt. Denjenigen, die mehr Substanz bei der Beantwortung der Frage erwartet haben, empfehle ich die Hinweise von Gerd Gerhardt oder einen Blick in folgendes Büchlein.

weiterführender Lektüretipp:

Kellermann, Ralf (Hg.):

Der Essay

Stuttgart 2012.

 

 

Der Essay als eigene Text-Form wird im schulischen Unterricht immer wichtiger (etwa auch für das Abitur): Eher assoziativ-netzartig verknüpft soll ein Thema auf originelle Weise behandelt werden. Der Band definiert in einer Einleitung, was genau ein Essay ist, versammelt 15 typische Texte (von Adorno über Enzensberger bis Sibylle Berg oder Lukas Bärfuss), kommentiert schwierige Begriffe in diesen Texten und schließt mit Arbeitsaufträgen ab: Auf diese Weise wird Schülern eine erste Orientierung und das notwendige Handwerkszeug an die Hand gegeben, um fremde Essays interpretieren und entsprechende eigene Texte verfassen zu können. (Verlagstext)

 
 
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