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Die menschliche Haut und ihre Farben

Ein philosophisches Essay von

Clasina Becker, Königin-Luise-Stiftung (Gymnasium), 01.06.2013

 

Menschlicher Körper als Ausstellungsstück. Ganzkörperplastinat mit Haut.Jeder kennt die Redewendung "nicht aus seiner Haut können". Umgangssprachlich bedeutet es, dass man sich nicht anders verhalten kann, als es der eigenen Natur entspricht, also dass man sich nicht ändern kann. Nehmen wir diese Redensart aber wortwörtlich, so stoßen wir auf einen Gegenstand, der - so banal, wie er auf den ersten Blick auch erscheinen mag - schicksalsbestimment für jeden von uns ist: Es ist die Haut, in die wir per Zufall hineingeboren werden. Sie ist Anlass für viele Konflikte und gesellschaftliche Probleme, wie es zum Beispiel die alltägliche Diskriminierung von dunkelhäutigen Mitmenschen zeigt.
Tatsache ist, dass man sich ausgiebig und lange mit der menschlichen Haut auseinandersetzen kann. Als größtes Sinnesorgan, umgibt die Haut den menschlichen Körper vollständig und erfüllt viele lebensnotwendige Funktionen. Sie hält den Körper zusammen und schützt unser Inneres vor Druck und Stößen, vor dem Eindringen von Fremdkörpern und vor Austrocknung. Die Haut reguliert die Körperwärme. So drücken wir häufig auch unsere Gefühle über die Haut aus. Jeder kennt es: Man wird rot vor Wut oder Scham, blass vor Schreck und bekommt aus Angst eine Gänsehaut. Eine weitere wichtige Funktion der Haut ist der Tastsinn. Über ihn spüren wir unsere Umwelt und Mitmenschen. So treten wir morgens aus der Tür und fühlen die Temperatur der Luft, vielleicht auch ihre Feuchtigkeit. Ein kühler Windhauch streift die Haut. Wir spüren die Kleidung um unseren Körper, das Fußbett unserer Schuhe. Wir fühlen die Umarmungen unserer Freunde, den Druck, die Körperwärme des Anderen, vielleicht streifen lange Haare kurz übers Gesicht. Manchmal verletzt sich die Haut und es bleiben Narben zurück, die unsere Haut, neben Muttermalen, Schönheitsflecken und Teint, für jeden Menschen einzigartig macht. Die Haut ist das Äußere des Menschen, genauer auch die äußere Schönheit des Menschen und sie durchläuft einen ständigen Prozess der Veränderung: So kann man an den Falten eines Menschen sein Alter erkennen, der Teint passt sich den Jahreszeiten an und manch einer bekommt auch Sommersprossen.

 An all dem kann man erkennen, dass die Haut für uns, als Personen, aber mehr ist, als nur ein Organ und wir sie dementsprechend auch gar nicht wirklich als Organ an sich wahrnehmen. Der Mensch hat eine ganz anderes Verhältnis zu seiner Haut, als zum Beispiel zu seiner Niere. Er pflegt eine Beziehung mit seiner Haut, als sein Äußeres. Es existiert ein richtiger Kult um sie und ihre Pflege. Dahinter stecken ganze Industrien: Betrachtet man die Fülle an verschiedensten Hautpflege, Anti-Ageing und Make-up Produkten, tritt die gesellschaftliche Relevanz von Schönheit und Haut nur allzu deutlich hervor. Viele lassen sich tätowieren oder piercen, um sie zu schmücken und eine persönliche Note zu geben und sie nach eigen Wünschen zu gestalten. Dies lässt sich natürlich auf diverse Schönheitsideale zurückführen, denen wir oft wie besessen nacheifern. Ein prominentes Beispiel ist hier die Botoxspritze, von der sich viele erhoffen, sie möge die Hautalterung aufhalten. So kann man sagen: Wir Menschen definieren uns über unsere Haut, physisch, psychisch und vor allem gesellschaftlich.
Rosa Louise Parks (1955)Dieses Faktum lässt sie immer wieder zum großen Streitobjekt werden. Es umgibt uns alltäglich und erreicht sein Äußerstes im großen Streit um die Hautfarben, der seit Jahrhunderten in unserer Gesellschaft tobt und noch lange keine Lösung oder Linderung gefunden hat. Seit Jahrhunderten werden Menschen mit dunkler Haut diskriminiert, hingegen Menschen mit weißer Haut bevorzugt behandelt. Wir haben eine lange Geschichte übelster Sklaverei hinter uns, doch ihre Schatten sind noch lange nicht überwunden. Das bekommen wir im Alltag immer wieder zu spüren und zu sehen.
Für Menschen mit Migrationshintergrund und dunkler Hautfarbe ist zum Beispiel gerade die Schule ein schwieriger Ort, wegen Mobbing und überforderten Lehrern, die dazu neigen Situationen zu bagatellisieren.

So gut wie jeder kennt es: Ein Mitschüler wird, aufgrund seiner dunklen Hautfarbe, von einem anderen als "Neger" oder "Bimbo" bezeichnet oder sogar tätlich angegriffen. Solche Geschehnisse prägen das Leben vieler Farbiger in unserer Gesellschaft und hinterlassen Narben, zwar nicht auf der Haut aber auf der Seele. Es kommt leider auch häufig vor, dass solche Verletzungen dramatisch enden. So berichtet ein junger Mann von einem Angriff an seinem 18. Geburtstag, den er mit Freunden in der Disko feiern wollte: aufgrund seiner dunklen Haut wurde der Mann mit den Worten: "Was guckst du denn so blöd, du schwarzer Hund?" beleidigt. Die Situation eskalierte, es kam zu einer Massenschlägerei bei der auch ein Mann niedergestochen wurde und ins Koma fiel. Der Täter kam ins Gefängnis. Es existieren viele solcher Berichte, was uns deutlich vor Augen führt, welches Leid diese Diskriminierung bei Betroffenen hervorruft und wie weit unsere Gesellschaft von einer Gleichberechtigung und Lösung entfernt ist.
Rassisten und Demagogen begründen ihr Verhalten häufig mit dem Argument, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe minderintelligent und daher auch minderwertig gegenüber Menschen mit heller Hautfarbe sein. Diese Ansicht ist schon uralt, längst überholt und wissenschaftlich widerlegt. Studien haben immer wieder gezeigt, dass die Hautfarbe eines Menschen keinen Einfluss auf seine Intelligenz hat und dass auch keine unterschiedlich intelligenten Ethnien existieren. Trotz zahlreichen Gegenbeweise, werden diskriminierende Aussagen in Bezug auf die Hautfarbe immer wieder hervor geholt.
Man erinnert sich an die Kontroverse um Thilo Sarrazins Thesen, die im Sommer 2010 nach der Veröffentlichung seines Buches "Deutschland schafft sich ab" anfing. Auch er sprach von vererblicher Intelligenz und Unterschieden zwischen den Ethnien und löste damit eine große Debatte in Deutschland aus. Was wiederum beweist, welche gesellschaftliche Relevanz das Thema Hautfarbe heute noch hat und wie sensibel man damit umgehen sollte, da im Zuge der Kolonialzeit und der Sklaverei so viel Unrecht geschehen und zu viel Blut geflossen ist. Im August 1963 stand Martin Luther King, als Führer der Bürgerrechtsbewegung, in Washington und sprach von seinem Traum, seinem Wunsch nach einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Dies ist ein Traum den es zu verfolgen und zu verteidigen gilt.
Einen Menschen nach seiner Haut, seiner Oberfläche, zu beurteilen und zu behandeln zeugt von unglaublicher Oberflächlichkeit. Es existieren keine mit Vernunft begründbaren Argumente für die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit dunkler Hautfarbe.
Niemand kann aus der eigenen Haut heraus und niemand sucht sich aus in was für eine Haut er hineingeboren wird. Letzten Endes ist die Haut doch nur ein Organ und ihrem Aussehen sollte nicht soviel wert beigemessen werden. Unsere Haut ist unser Schicksal. Das gilt für jeden einzelnen Menschen. Trotzdem gibt es viele, die sich über einen anderen Menschen stellen und begründen das einzig mit der Hautfarbe. Für eine Gesellschaft, die nach Aufklärung und Tolleranz strebt ist dies absolut nicht tragbar und sollte in seinen Wurzeln bekämpft werden. Ein Ansatz ist die Aufklärung unserer Kinder und die Schaffung von mehr Chancengleichheit. Wir wissen, dass es ein langer und harter Prozess ist, aber wir sollten uns weigern aufzugeben und gegen jegliche Form von Rassismus vorgehen.

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage

 
 
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